Auf dem Weg ins oder aus dem Leben

 

Wer immer mit dem Gedanken spielt, dieses Leben nicht mehr ertragen zu können, der/die möge bedenken, dass niemand sein Leben allein lebt. Auch wenn man letztendlich auf sich allein gestellt ist. Mensch ist ein soziales Wesen, auch wenn das in der heutigen narzisstischen Zeit schon für Menschen ohne größere Probleme kaum einsichtig ist. Das Wichtigste ist daher nicht zu sein, sondern zu kommunizieren. Und auch wenn alles ausweglos scheint, es hilft vielleicht daran zu denken, wie die nahestehenden Personen so etwas aufnehmen würden oder müssten. Man hinterlässt in jedem Fall ein Trauma, von dem sich die Betroffenen kaum mehr erholen können! Auch wenn es unmöglich scheint, sich jemandem anzuvertrauen, vielleicht gelingt es, mit potenziell Traumatisierten über die innere Finsternis zu reden.

 

Eine frühere Freundin habe ich nach unserer Fast-Beziehung aus den Augen verloren, sie hat dann geheiratet und sich eines Tages suizidiert. Ich habe das erst später erfahren, hab nie ihr Grab besucht und das Ereignis verdrängt. Dreißig Jahre später erinnerte mich eine Person an sie. Auch das wurde mir erst hinterher bewusst. Jedenfalls bemerkte ich, dass ich das noch nicht wirklich verarbeitet hatte. Als ich dann noch erfuhr, dass sie sich einen Tag vor meiner Hochzeit umgebracht hatte, war das nicht verarbeitete Trauma endgültig wieder präsent. Ich setzte mich damit auseinander, besuchte ihr Grab, das noch dazu ganz in der Nähe meiner jetzigen Wohnung liegt, und schloss Frieden – mit ihr und mit mir. Nach 30 Jahren…

 

 

 

Erwin Ringel hat als erster die Phasen beim Suizid(versuch) beschrieben, z.B. wie sich das Leben immer mehr einengt auf eine Art Flaschenhals des Bewusstseins. Da sind nur mehr seelische Hilfeschreie möglich oder hilflose Signale, die der/die Betreffende oft selbst nicht versteht. Wie wichtig wäre es da zu kommunizieren! Aber gerade das ist so schwer oder kaum möglich. Wer nur mehr auf sich selbst fokussiert ist, findet keine Antwort auf die Frage: Wem kann ich mich anvertrauen? Ist doch in dieser zunehmend verengten Perspektive der Weg zum anderen wie abgeschnitten. Aber an der Länge des Abschiedsbriefs – sofern vorhanden – kann man ersehen, wie sehr die so verbaute Kommunikation in Wirklichkeit ersehnt wurde….

 

Was kann man tun?

 

Sehr oft gar nichts. Besonders dann, wenn keinerlei Signale darauf hindeuten, wie es um die Person steht. Hinterher nach solchen Signalen zu suchen, ist sinnlos.

 

Bei anderen weiß man um die Suizidgefährdung, weil sie vielleicht schon einen oder einige Versuche hinter sich haben. Und selbst da ist es schwierig. Was man tun kann, und das wäre das Wichtigste, ist Verständnis zeigen. Verstanden zu werden ist ein Grundbedürfnis des Menschen, und durch ihr In-sich-gekehrt-Sein ist diesen Menschen auch das Offensein dafür abhandengekommen. Mit Worten, Gesten, was auch immer, zeigen: Ich verstehe dich! Das ist weit mehr als über das Leben zu diskutieren.

 

Und auch wenn es passiert ist und man als Angehöriger oder Nahestehender wie vor den Kopf gestoßen ist: Das einzige, worum man sich jetzt noch bemühen kann und soll: Ich verstehe dich! Jedes menschliche Handeln ist verstehbar – auch wenn es noch so absurd erscheint. Keine Vorwürfe, keine Wut über das Verlassen Sein – Ich verstehe dich! Man muss sich nur die Situation in ihrem ganzen Umfang, ihrer ganzen Verzweiflung, ihrer ganzen Tiefe und Tragweite vergegenwärtigen – Ich verstehe dich! Das ist es, was man noch tun kann. Und das sind wir der betreffenden Person schuldig…

 

Ein Mensch ist „freiwillig“ (ein eher zynisches und nie zutreffendes Wort) aus dem Leben geschieden. Es sieht aus wie eine Verweigerung, wie eine Flucht aus dem Leben. Doch das trifft es meist nicht. Es ist umgekehrt: Er/sie hat den Weg INS Leben nicht finden können. Das ist vielleicht der Hauptgrund, warum die „Lebenden“ diesen Schritt nicht verstehen können. Sie stehen am anderen Ende. Was für sie das Leben ist, war für den anderen ein unüberbrückbarer Abgrund…

 

Das waren nur ein paar wenige Gedanken. Das Thema ist nicht auslotbar.

 

„Die Art, wie wir

die Welt sehen, erleben

und in ihr agieren,

hängt ab von einem

‚Denkrahmen‘.

Er zeigt den für uns wichtig gewordenen, gewohnten

Ausschnitt der Wirklichkeit.

Er schließt ein

und er grenzt aus.

In diesen Denkrahmen sind wir hineingewachsen.

Wir können aber auch

über ihn

hinauswachsen.“

Kontakt:

Dr. Robert Harsieber

Taubergasse 5-7/3/16

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r.harsieber@gmail.com

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