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Von der Aufwertung des Weiblichen zum Post-Patriarchat

Im Jahrtausende währenden Patriarchat sind wir gewöhnt an die Souveränität des Männlichen und die Abwertung des Weiblichen. Dies ist aber nichts anderes als ein Missverständnis des Symbolischen.

 

Die Dualität durchzieht das Universum, es gibt nichts, das nicht diese Dualität in sich trägt. Yang und Yin ist die Zwei(Einheit), aus der die zehntausend Dinge entstehen. Yang und Yin (männlich und weiblich) gehören zusammen, es bezeichnet ursprünglich die Licht- und Schattenseite eines Hügels. Licht und Schatten, hell und dunkel wurden aber in der Folge als wertend interpretiert: Licht/hell/Geist versus Schatten/dunkel/Materie. Auf gut und böse angewendet wird daraus Geist/gut und Materie/böse. Und nachdem Geist männlich und Materie weiblich ist, wird der Mann auf- und die Frau abgewertet – und vergessen, dass es sich dabei um komplexe Symbolik handelt.

 

Es ist natürlich mehr als ein Missverständnis, es ist eine Verweigerung der Realität des Lebendigen. In den zu den westlichen Weltbildern komplementären asiatischen Sichtweisen ist das Männliche das statische Sein, während das Weibliche das dynamisch lebendige Werden der Schöpfung ist. Insofern ist das Weibliche der Inbegriff des Lebendigen und Schöpferischen, während das Männliche das statisch Unlebendige ist, das zum Entstehen des Universums seinen geistigen Funken beisteuert und dann die Evolution dem dynamisch Weiblichen überlässt.

Erich Neumann unterscheidet demnach auch einen männlichen und einen weiblichen Geist. Symbol des männlichen Geistes (Logos) ist die Sonne, das Symbol des weiblichen Geistes (Sophia) ist der Mond. Die Sonne steht der Erde als Gegensatz gegenüber, der Mond verbindet ganzheitlich Himmel und Erde, und seine Dynamik ermöglicht die Wandlung, Evolution und Individuation.

 

Im Individuellen muss sich der Mann von der Mutter als Ur-Einheit lossagen, um in seine Männlichkeit zu kommen, wodurch das Weibliche zum Gegenüber und ganz Anderen wird. Die Frau muss sich von der Mutter als Ur-Einheit nicht loslösen, sie ist ja auch weiblich, sie kann in gewisser Weise immer in dieser Ur-Einheit bleiben, ist der Einheit immer näher als der Mann. Daher ist die Mehrheit der Teilnehmer in kirchlichen wie esoterischen wie spirituellen Veranstaltungen weiblich. Das Weibliche repräsentiert damit eher die ursprüngliche Ganzheit, während das Männliche durch seine Opposition zur Ur-Mutter ein Fragment bleibt. Die Frau kann durch ihre Nähe zur Ur-Einheit (die ja androgyn ist) auch das Männliche in sich erfahren (weshalb Beziehungen so oft an der Realität vorbei gehen), während der Mann das Weibliche über die Frau als Gegenüber erfahren muss, um sein inneres Weibliches erleben zu können.

 

Das Weibliche ist der Inbegriff des Lebendigen – der schöpferischen Unordnung, der nicht-Kontrollierbarkeit, des nicht-Vorhersehbaren. Erich Fromm bezeichnet das als Biophilie, als Liebe zum Lebendigen, und stellt dem die Liebe zum Unlebendigen, zum Toten gegenüber, zur Nekrophilie. Dynamische zukunftsorientierte Offenheit versus statische, das Vergangene bewahrende Sicherheit und Ordnung. Wir kommen nicht umhin, diese festgefahrene, sichere Statik als symbolisch männlich zu bezeichnen. Damit sind wir bei einer „Umwertung der Werte“: Das Weibliche ist das Lebendige, das Männliche ist das Fragmentierende, Tote, das erst durch das Weibliche lebendig werden kann.

 

Nun ist im Menschen (ob Mann oder Frau) immer beides: Männliches und Weibliches, Ordnung und Unordnung, Passivität und Dynamik, Biophilie und Nekrophilie, Eros und Destruktion. Es ist immer eine Mischung von beidem, es kommt darauf an, was die Oberhand gewinnt. Gewinnt die Nekrophilie die Oberhand, werden Menschen zunehmend wie (tote) Gegenstände behandelt. Der Mann liebt seine Frau wie er sein Auto liebt, das er in die Garage stellt, wenn er keine Bewegung braucht. Alles Lebendige ist ihm fremd, er will nur (Menschen als) funktionierende Gegenstände.

[1] Was symbolisch unschwer als Zuspitzung des männlichen Prinzips erkennbar ist. Wobei es meist um eine Mischung von männlich und weiblich geht, jeder Mensch beides in sich hat, aber das (fast) ausschließlich Männliche immer toxisch und lebensfeindlich ist. Der Nekrophile liebt das Tote und hasst das Lebendige, damit das Leben und damit die Frau.

 

Jenseits des Patriarchats

Überwindung des Patriarchats heißt nicht, dass die Frau die Männerrolle übernimmt (was sie darf, aber darum geht es nicht), sondern dass wir von einer lebensfeindlichen (und frauenverachtenden) Gesellschaft zu einer werden, die das Weibliche, das Leben und das Lebendige in den Vordergrund stellt. Die aber auch anerkennt, dass immer beides notwendig ist, dass Leben Vereinigung bedeutet, aus der immer Neues entstehen kann.

 

Erich Neumann beschreibt die Tragik des Patriarchats damit, dass Männer nur männlich und Frauen nur weiblich zu sein haben. Damit wird die Seele oder Psyche geleugnet und letztlich ein pathologischer Zustand festgeschrieben. Männer werden dadurch seelenlos, extreme und einseitige Männlichkeit ist toxisch. Es fehlt ja das Lebendige, Weibliche. Frauen werden wie tote Gegenstände behandelt, statt über die Frau einen Zugang zur verdrängten inneren weiblichen Seite zu bekommen. Das Lebensfeindliche ist aber viel tiefer in unserem mechanistischen Weltbild begründete, das seit einem guten Jahrhundert von der Tiefenpsychologie vor allem von C.G. Jung und der Quantentheorie zumindest aufgeweicht wurde, was aber in der Gesellschaft noch gar nicht registriert wurde.

 

Die Überwindung des Patriarchats kommt nicht mit der Eroberung der (toxischen, lebensfeindlichen) Männerwelt durch die Frauen, sondern durch die Abkehr von einer mechanischen, den Menschen zum Gegenstand machenden Gesellschaft und der Eroberung der (weiblichen) Lebendigkeit und Biophilie durch beide Geschlechter.

 



[1] Erich Fromm, Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, dtv, 5. Aufl. 1994, S. 60

„Die Art, wie wir

die Welt sehen, erleben

und in ihr agieren,

hängt ab von einem

‚Denkrahmen‘.

Er zeigt den für uns wichtig gewordenen, gewohnten

Ausschnitt der Wirklichkeit.

Er schließt ein

und er grenzt aus.

In diesen Denkrahmen sind wir hineingewachsen.

Wir können aber auch

über ihn

hinauswachsen.“

Kontakt:

Dr. Robert Harsieber

Taubergasse 5-7/3/16

A - 1170 Wien

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