· 

Beziehungsprobleme: Was sucht Mann? Was sucht Frau?

 

 In einer Diskussion tauchte die Frage auf: Wer braucht den anderen mehr?

Antwort Frau: Die Frau braucht den Mann mehr, der Mann ist sich viel mehr selbst genug.

Antwort Mann: Der Mann braucht die Frau mehr, er ist abhängig vom ganz anderen.

 

(Es geht im Folgenden um das Archetypische, um archetypische Muster und nicht um den konkreten Mann, die konkrete Frau, die beide immer individuell betrachtet werden müssen).

 

Jeder Mensch – ob Mann oder Frau – hat in sich Männliches und Weibliches in unterschiedlicher Ausprägung. Nach C.G. Jung ist das Innere, die Psyche der Frau männlich (Animus), das Innere, die Psyche des Mannes ist weiblich (Anima).

 

Nach Erich Neumann, der sich eingehend mit der Psychologie des (archetypisch) Weiblichen und der Psychologie der Frau beschäftigt hat, muss sich das weibliche Kind nicht komplett von der (Einheit mit der) Mutter lösen, um zu sich als Frau zu kommen. Das männliche Kind dagegen muss sich von der (Einheit mit der) Mutter lossagen, um zu sich als Mann zu kommen. Die Frau ist damit der Einheit und Ganzheit näher als der Mann. Beide sind ein Leben lang auf der Suche nach dem Gegengeschlechtlichen – aber vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Entwicklung.

 

Beide brauchen den anderen für die Entwicklung. Die Frau hat aber noch einen inneren Zugang zur Ur-Einheit und zur Großen Mutter, in der das Weibliche und Männliche noch nicht getrennt sind. Wenn sie das Männliche sucht, dann als Hinweis auf das Ur-Männliche in ihr. Eine Beziehung mit einem Mann weckt in ihr dieses Ur-Männliche, mit dem sie immer schon in Resonanz ist. Ihre Sehnsucht ist es, diese innere Einheit konkret werden zu lassen. Sie erlebt dieses Ur-Männliche als überwältigend, eindringend, numinos. Und sie projiziert dieses Ur-Männliche auf den konkreten Mann, der dem gar nicht unbedingt entsprechen muss.

 

Die Frau sucht das, was ihr fehlt, die Ergänzung. Sie kommt aber selbst aus der Ganzheit, die sie im Gegensatz zum Mann nie ganz verloren hat. Es kann somit sein, dass sie in einem konkreten Mann etwas ganz Bestimmtes sucht, das in ihrem Leben realisiert werden soll, um sich selbst damit „ganz“ zu machen. Dazu braucht sie diesen einen Bereich, der ihr aktuell fehlt, und gar nicht unbedingt den ganzen Mann. Den kennt sie als ganze Person vielleicht gar nicht wirklich, oder er hat Charakterzüge, die gar nicht in die Beziehung passen. Aber er hat etwas, das sie im Moment gerade braucht. Alles andere ignoriert sie, verdrängt sie oder nimmt es in Kauf.

 

Der Mann, der sich vom Weiblichen abtrennen musste, um zu sich selbst als Mann zu kommen, hat damit den Zugang zu seinem unbewussten und zu seiner inneren Weiblichkeit weitgehend verloren. Er ist Bewusstseins-betont (Bewusstsein ist archetypisch männlich), der Zugang zum eigenen (weiblichen) Unbewussten ist verloren, er hat wenig Körperbewusstsein (Körper ist archetypisch weiblich). Daher braucht er nicht (wie die Frau) etwas Konkretes, das ihm zur eigenen Ganzheit (die er ja verloren hat) noch fehlt, sondern er braucht die Frau als Ganze – in ihrer ganzen Weiblichkeit und Persönlichkeit. Diese Ergänzung ist ungemein schwieriger als die der Frau, die den Zugang zu ihrer Ganzheit nie ganz verloren hat.

 

Nun fällt es dem Mann aber oft viel schwerer, die Frau als ganze Person wahrzunehmen. Schon weil er mehr aus dem (männlichen) Verstand heraus lebt, der prinzipiell fragmentierend ist. Daher begnügt er sich oft mit einem Teil der Weiblichkeit, meist mit der Sexualität der Frau – dabei aber mehr mit seiner eigenen Sexualität, weil ihm das Einfühlen in das ganz andere so schwer fällt. Das kann sehr schön sein, damit verfehlt er aber die Weiblichkeit als Ganze, die viel mehr ist als das. Er nimmt die Frau mehr als Gegenstand denn als Person wahr, nicht als die andere Seite seiner selbst, die er integrieren könnte, um wirklich ganz zu werden. Er kann nicht diesen Teil in seine eigene verlorene Ganzheit integrieren. Nur das Ganze des Weiblichen könnte den Mann ergänzen, ganz machen.

 

So gesehen braucht ein Mann die Frau mehr als die Frau den Mann. Aber am Ende brauchen sie einander doch in gleicher Weise, denn die Frau kann durch das Integrieren eines Teils der Männlichkeit nur sich selbst „ganz“ machen, aber wirklich ganz kann auch sie nur durch die Beziehung zu einem Mann werden, den sie als ganze Person wahrnehmen und annehmen kann. Eine „fragmentarische“ Beziehung kann die Frau in sich „ganz“ machen, aber es wird das keine wirkliche, ganzmachende Beziehung sein. Eine „fragmentarische“ Beziehung wird einen Mann nicht ganz machen, sondern ihn mit seinen Fragmenten allein lassen.

 

 

Beziehung kann nur auf Augenhöhe wirklich gelingen – eine Beziehung, zu der beide als ganze Person stehen.